Die Metro

Solange die Swissmetro eine Vision bleibt, bin ich darauf angewiesen, diesen effizienten, mit der Mentalität des jeweiligen Landes angehauchten, Mikrokosmos im Ausland zu betrachten. (So reizend ich die Lausanner Metro finde, stufe ich sie subjektiv als Tram ein). In Isfahan war das Intervall der Züge auf der einzigen Linie so bescheiden, wie der Sonntgstakt eines Vorortbusses der vbl. So stürzte ich mich Neugierig in den Untergrund Teherans, bei dem sich meine Erwartungshaltung gegenüber der ehemaligen Residenzstadt des Schahs steigerte.
Der Zugang mit dem eigenartigen Signet, das zunächst mit greller Hintergrundfarbe ausgestattet wurde, ist mit der Zeit derart verwittert, dass es im Schilderwald - nicht wenige davon hyperaktive LED - eine derart ärmliche Stellung einnimmt, dass es nur dem geübten Betrachter auf Anhieb auffällt. So präsentierten sich meinen Augen zunächst die bunten Küken eines Marktstandes, die farbiger sind als mein Konfetti der Kindheitstage. Wenngleich das Feilgebotene nicht stets derart befremdlich ist, hat sich der Basar bis zum Gummi des Handlaufs, der sich ewig drehenden Rolltreppe, vorgetastet.
Ein Vergleich der Ticketpreise mit den Schweizer Verkehrsbetrieben wäre vermessen, doch ist die Fahrt für gerade einmal 6.67 Rappen äusserst preiswert. Mit diesem bescheidenen finanziellen Aufwand ist es möglich, sämtliche Linien den ganzen Tag zu befahren. Damit hätte man nur das Drehkreuz (eigentlich zwei Glaswände, die sich hyperbelförmig voneinander entfernen, um den Passanten den Durchgang zu gewähren) nie zu verlassen.
Die Züge sind leise und modern, das System stammt aus diesem Jahrtausend. Der hinterste und vorderste Teil wird nur von Frauen betreten. Erstaunen vermag es, dass selbst die westlich gekleideten Weiblichkeiten sich dieser Geschlechtertrennung mühelos unterwerfen. Nicht weil man im restlichen Teil drangsaliert würde oder man anrüchige Sätze über sich ergehen lassen müsste, viel eher dürfte es an den eng stehenden Körpern liegen.
Ich finde eine Stelle am Metallgriff, die seit längerer Zeit unberührt geblieben ist, bevor ich sie mit ausgetrocknetem Schweiss wieder zuklebe. Die Dichte an Trainern, welche mit Deutscher Fussballbund beschriftet sind, ist ungewöhnlich hoch. Erst an der persischen Anschrift der Haltestelle merke ich, dass ich nicht am Alexanderplatz bin. Hin und wieder werde ich gar auf Deutsch angesprochen. Die Reputation unseres nördlichen Nachbarn ist ungleich höher als bei uns Schweizern. Die alternde Gesellschaft möchten einige dazu nutzen, um wirtschaftlich zu emigrieren und lernen deshalb eifrig deutsche Vokabeln.
Dem Basartreiben kann man sich in der Untergrundbahn nicht entziehen. Ist genügend Platz in den Gängen vorhanden, werden Kaugummis, Socken und Kopfhörer teilweise schreiend angepriesen. Ein junger Mann verkauft robuste LED-Glühbirnen an einem Stromkabel, die Schläge gegen die Handhalterung der Bahn ebenso mühelos verkraften, wie der Sturz aus Schulterhöhe auf den grauen Boden. Ein Passant ist fasziniert von der akrobatischen Einlage dieses leuchtenden Gegenstandes und kramt ein paar zerknüllte Noten hervor, bevor er stolzer Besitzer dieses entbehrlichen Gegenstandes wird. Manchmal erscheinen krumme, gebückte Männer, die durch Wagons ziehen, beginnen virtuos zu singen und ich staune zu welchen Tönen diese Menschenkehlen fähig sind. Sind die Metrogänge von Menschen belegt, verlagert sich der Basar auf die Stationen, obwohl dort nicht minder Dichtestress herrscht, als in den Zügen. So verlasse ich den iranischen Mikrokosmos fasziniert und genugtuend, obschon manch einer angenehmere Situationen ersehnen mag.