Gastfreundschaft

07.04.2019

"[...] dass ich nichts zu befürchten habe, was ich hin und wieder befürchtete", Reinhard Kaiser-Mühlecker in 'Enteignung'

Tief berührt bin ich von dieser Gastfreundschaft, die mir in diesem Ausmass noch nie zuvor in einem Land begegnet ist. Zunächst ist das Winken aus den fahrenden Vehikeln, das mit jenem freudeausstrahlenden Gesichtsausdruck einhergeht, der die in Kaukasien allzu oft verborgenen, weissgelblichen Kauorgane sympathisch hervortreten lässt.

Beinahe alles wird mir zugesteckt. Am meisten Früchte, Nüsse und Bonbons. Tee und Kaffee werden mir angeboten. Einmal drückt mir ein Junge sogar den steinharten, bachtiarischen Käse in die Hand, an dem mein Speichel einen ganzen halben Tag arbeitet. Die Frage nach Hilfeleistungen ist dann am grössten, wenn es steil bergauf geht oder stark regnet. Mein Velo hätte schon einige Innenräume von Autos gesehen, wenn ich eingewilligt hätte. Es scheint mir, als könnte ich den Iranern keine grössere Freude bereiten, als bei ihnen zu essen und zu schlafen. Mit grösster Selbstverständlichkeit werde ich von den anderen Familienmitgliedern willkommen geheissen, oft ist der Tee schon gekocht, die Gerichte in Vorbereitung.

Der 19-jährige Milad redet so lange auf mich ein, bis ich einwillige. Er strahlt voller Freude und erklärt stolz sämtlichen Freunden, denen wir auf dem Weg begegnen, ich sei sein Freund aus Europa. Seine Familie, er wohnt noch bei den Eltern, heisst mich herzlichst willkommen. Und dann stelle ich mir die Gesichtsausdrücke meiner Eltern vor, wenn ich vor ein paar Jahren einen Mann aus Guangzhou nach Hause gebracht hätte, den ich vor dem Löwendenkmal aufgegriffen hätte und ihnen erklärt hätte, er sei unser Gast.

So übernachte ich bei Hoshang und Hadis, Fazlallāh und Nilofar, bei Hossein und seinem Freund Ali, bei Sinas Eltern. Ich picknicke mit Iraj, Kemal und ihren Familien am Tag der Natur. Die Hirten, die ihre Zelte am spektakulären Canyon aufgestellt haben, sind ebenso gastfreundlich wie der Staatsangestellte Mehdi mit seiner Familie. Zaynar möchte mir seine Stadt zeigen, das Kurdenmuseum und die Dörfer in den steilen Schluchten. Nima lässt mich in seinem Auto nächtigen und bringt mir Nachtessen und eine warme Decke. Die Helfer des Roten Halbmonds in Zarrineh, der kalten Stadt oben in den Bergen, nehmen mich neugierig auf und kochen köstliche Dattelgerichte. In Mahammads Wohngemeinschaft bin ich schnell ein akzeptiertes Mitglied. Amir Rezahs Eltern kochen mir nicht nur Spezialitäten aus Chuzestan, sondern bieten mir ein eigenes Zimmer mit Bett, geben mir Früchte, Bonbons und Biscuits mit. Als sei die Hilfe nicht genug, sind am nächsten Tag meine Wasserflaschen aufgefüllt und mein Velo geputzt. Der Junge Sajd sendet mir im Tagestakt Selfies und verlangt selbes von mir. Amir begleitet mich kilometerweit auf der Standspur, als könnte man auf der Strasse verloren gehen. An Amid Hosseins 18. Geburtstag, bekomme ich das Stück Torte als Erster, das mindestens doppelt so gross ist, wie die anderen. Darauf werden Gitarren organisiert und ein mit lokalen Klängen bereichertes Privatkonzert abgehalten, die mich vor Ergriffenheit erstarren lassen.

Wie eine Trophäe, die ausgestellt ist, werde ich Verwandten, Nachbarn und Freunden vorgestellt. Es werden Dolmetscher organisiert. Leute die ein bisschen Englisch können, versammeln sich. Die Neugier ist gross. Nicht alle Fragen sind leicht zu beantworten. Weshalb die Schweiz das beste Land der Welt sei, will gewusst werden oder mit welchem durchschnittlichen Alter in der Schweiz geheiratet wird. Ob ich Christ sei und wir auch eine heilige Schrift hätten. Manchmal sind auch befremdende Feststellungen dabei, wie dass meine Zähne so weiss seien. Ich putze mir diese bestimmt... Ich fürchtete mich um die Gesundheit meines Zahnarztes, wenn er ein solcher Satz im Zusammenhang mit meinem Gebiss hörte. In Wirklichkeit sind sie gelb wie indischer Curry und porös wie gelöster Kalkstein. Ansonsten werde ich mit Komplimenten überhäuft. "I love you" höre ich täglich mehrmals, oder wie schöne Augen ich habe. Wildfremde Männer küssen mich auf der Strasse, Frauen machen mir einen Kussmund oder schreien aus Partyautos so exzessiv, wie ich es zuvor nur im Victoria Secret Store in New York erlebt habe (siehe Kapitel Sandros Abgründe).

Als Gegenleistung hat man sich zu filmen, wie man die Gastfreundschaft mit ein paar Worten huldigt. Bisher dachte ich das Selfie sei eine Erfindung von wichtigen Influencern oder werde im Ostasiatischen Raum exzessiv gebraucht. Hier im Iran wird mein Antlitz nachbarschaftlich mit jenen Gesichtern, die am Strassenrand stehen, vom Auto aussteigen oder in den Unterkünften arbeiten, verewigt.

Die anfängliche Skepsis, von diesem so wunderbaren Land, ist verschwunden. Dass ich meine vorgesehene Route unter diesen Umständen längst nicht einhalten kann, nehme ich gelassen, denn wie Guy de Mautpassat festgestellt hat: "Es sind die Begegnungen mit Menschen, die das Leben lebenswert machen." 

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