Der Mann mit der Schaufel

28.01.2019

Bei meiner Reise durch Österreich, oder durch den deutschsprachigen Raum, fallen einen einige Besonderheiten auf. Ich sehe, wie Frau Wagensonner ihr Schaufenster sorgfältig schmückt, ich bilde mir ein dass sie bereits die Wintermode mit der Frühlingskollektion austauscht. Die Pension Pissenberger hat nur die "Zimmer-Frei-Schilder" von Wien her abgedeckt, sodass Reisende von Linz ihr Glück womöglich vergeblich herausfordern. Immer wieder unterschätze ich die Weitläufigkeit von Grossstädten. Zunächst folgen Einfamilienhäuser mit gepflegten Vorgärten, Katzen, einem Autounterstand und manche werden von Gartenzwergen in stoischer Ruhe bewacht. Dann folgen Tankstellen, einige Discounter die ihre Ware noch billiger anzubieten wissen als die Konkurrenz von nebenan. Dann kommen gesichtslose Wohnsilos mit belaubten und verwaisten Kinderspielplätzen (nur die Schaukel bewegt sich quietschend wie von Geisterhand). Darauf folgt das Kleingewerbe: My Home Ezmir hat seinen Platz neben der Autopfandleihe - Bargeld sofort, gefunden. Schräg gegenüber an der Kreuzung wirbt der Steinmetz mit "Pietät in Stein gemeisselt" um sie schönsten Grabsteine. Ich fahre am Vogelfutter-drive-in vorbei und denke, dass damit wohl die letzte Marktlücke geschlossen sein muss. Ein Schild erregt meine Aufmerksamkeit, welches auf die erste und längste Pferdeeisenbahnstrecke von Europa in der k. u. k. Monarchie hinweist. Dann passiere ich das Karikaturmuseum und wäre gerne eingetreten, wenn ich beim Bremsen bloss nicht so gezögert hätte.

Mit einer Spezies habe ich allerdings da draussen nicht gerechnet, oder ich muss bisher blind durch die Gegend gewandert sein: Er ist im Ruhestand und hat als Arbeitswerkzeug eine Schaufel - eine Schneeschaufel. Und es gibt ihn in jedem Land, in jedem Ort. Er kommt dann zum Einsatz, wenn die Schleudern, Fräsen und Fahrzeugschaufeln die klebrigen Schneemassen, die ihr unschuldiges weiss eingebüsst haben, bereits Haufen an Strassenrändern, Vorplätzen und Sackgassen errichtet haben. Dann wird der Holzstiel mit grossem Eifer gepackt. Das Blech wuchtig in die grauen Haufen gesteckt und das verbliebene Häufchen auf die Strasse geschmissen. Es findet eine grosse Umverteilung statt. Die Haufen werden Stück für Stück abgetragen. Für diese Arbeit braucht's gutes Schuhwerk, eine Jacke zieht man zwar an, weil die Frau insistiert hat, als Protest bleibt der Reissverschluss geöffnet. Auf keinen Fall bedarf es Handschuhe um den Stiel zu umfassen. Das Holz muss gefühlt werden. Nur so können rationell die Haufen umgelagert werden. Der umverteilte Schnee kann manchmal beide Fahrbahnen bedecken. Manchmal wird er sanft platziert oder in hohem Bogen auf den Asphalt geschleudert. Letzteres passiert mit viel Übermut zu Beginn der Tätigkeit, es bleibt allerdings eine persönliche These. Mit grosser Genugtuung betrachtet der Mann mit der Schaufel die Reifenmuster, die von den Autos in den Schnee gezeichnet werden. Am Wohltuendsten sind allerdings die Kunstwerke der Lastwagen. Es ist der absolute Höhepunkt der Wertschätzung. Für einen Velofahrer können solche plötzlich auftretenden Schneefelder durchaus ein Risiko darstellen. Insbesondere wenn die Stellen frisch sind oder sich in einer Kurve befinden. Der Mann mit der Schaufel erkennt zwar, dass ein Velofahrer auf dem Radar erscheint, da es sich um eine toternste Angelegenheit handelt, wird mit einem Wurf (für ein sanftes Hinlegen ist es jetzt zu spät) kurz vor das zweirädrige Fahrzeug das Handeln bekräftigt.

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